02.06.

Die Sonnschein-Hütte macht ihrem Namen Ehre. Der Blick aus dem Fenster zeigt weiße Wolken und ein bisschen blauen Himmel. Ich habe mit zwei jungen Pärchen im Lager geschlafen und wegen des Geflüster und Getuschel die Kopfhörer meines Smartphone zum Einschlafen in die Ohren gesteckt. Nach einem guten Frühstück geht es an den Abstieg nach Eisenerz, was sich zunächst aber als Auf und Ab in unübersichtlichen bewaldeten Senken und Kämmen auf einer geschlossenen Schneedecke herausstellt. Das Gehen im Schnee ist sehr anstrengend, weil ich immer wieder wegrutsche. Außerdem ist die Orientierung außerordentlich schwierig, weil fast keine Wegzeichen zu sehen sind. Dann geht es über Androthalm ins Fobistal und ich folge einem unter dem Schnee hervortretenden Bach. Der Weg entlang ist immer noch verschneit und immer wieder durch Windbruch versperrt. Zweimal quert der Weg den Bach über eine verschneite Brücke und beim zweiten Mal habe ich ein Problem. Auf der Holzbrücke liegt noch etwa 1,20m Schnee, der aber seinerseits eine Schneebrücke bildet, weil er wohl etwas unterspült wurde und dann von unten weggetaut ist. Die Schneebrücke ist so dünn, daß ich sie nicht überschreiten kann. Ich würde mit Sicherheit oberhalb der Holzbrücke einbrechen und unkontrolliert auf die Brücke fallen und dann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch von der Holzbrücke in den hier schon ziemlich reißenden Bach stürzen. Schon verrückt, es ist eine Brücke da und ich kann nicht rüber. Ich versuche es unterhalb der Brücke den Bach zu überqueren, aber die Brücke ist nicht umsonst da. Ich breche im morschen Unterholz durch den Schnee und verziere mein Schienbein mit Kratzern. Ich hätte mir aber auch ohne Weiteres das Bein brechen können. Oberhalb der Brücke sieht es auch nicht besser aus. Mit meinem Rucksack weiß ich nicht, wie weit ich springen kann, und ihn über den Bach zu werfen wage ich auch nicht, da das Ufer steil ist und er in den Bach zurückrollen kann. Dann wäre er in nullkommanichts auf und davon. Mit dem Rucksack in den Bach zu stürzen wäre auch blöd, denn spätestens bei dem nächsten über dem Bach liegenden umgestürzten Bäumchen würde ich damit hängen bleiben und unter Umständen unter Wasser gedrückt. Das hat es leider alles schon gegeben. Bei einem anderen Ufer und einem flacheren Bachbett und bei weniger Wassergewalt hätte ich kein Problem damit, die Schuhe auszuziehen und mit Hilfe der Stöcke den Bach zu durchqueren. Aber subjektiv sieht die Geschichte ziemlich gefährlich aus. Irgendwann fasse ich dann all meinen Mut zusammen und mache einen weiten Schritt auf einen in der Mitte des Bach liegenden rutschig aussehenden Felsen und den nächsten ohne anzuhalten auf das gegenüber liegende Ufer. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, zwei große für mich.. Geschafft… aber was für ein Herumgeeiere. Es ist halt weit und breit niemand da, der einem helfen könnte. Der weitere Weg ist dann auch nicht entspannend, weil der Bach eine steile Klamm in die Felswand fräst und es sehr steil auf losem Geröll hinunter geht. Mein Vorgänger Alex ist auf dieser Etappe so ausgerutscht, daß er mit geschwollenen Knöchel drei Tage pausieren musste und es unsicher war, ob er die Tour fortsetzen kann. Ich will ihm nicht nacheifern, rutsche aber auch mehrmals aus. Dann entspannt sich die Lage, der Schnee verschwindet und der Weg flacht ab und wird zur Forststraße. Der Bach ist mittlerweile zum von Tannenwäldern umgebenen türkisfarbenen Fluss geworden und die Sonne scheint warm vom Himmel. Ich bin wieder mit der Natur und den Bergen versöhnt. Nach einigen Kilometern komme ich zum Leopoldsteiner See. Der Kontrast kann größer nicht sein. Ein wunderschöner Bergsee und auf dem Steg liegt ein junger Mann in Badehose und sonnt sich und ich komme aus dem tiefen Winter. Es ist nicht mehr weit bis Eisenerz. Hier ist heute im Bergbaugebiet eine der größten österreichischen MotoCross Veranstaltungen. Leider bin ich zu spät dran. Ich hätte das Spektakel gerne angesehen. So finde ich aber zumindest relativ unkompliziert ein Zimmer in einem Gasthof. Das Zimmer hat eine Dusche und ich kann endlich mal wieder meine Klamotten in Handwäsche waschen und morgen ist die Strecke überschaubar, es geht nicht durch den Schnee und sogar größtenteils über Forststraßen. Normalerweise würde ich sie vermeiden wollen, aber morgen versprechen sie Entspannung pur. Die letzten Tage waren Abenteuer genug und hatten mit Wandern nicht viel zu tun. Zu groß waren Anspannung und Konzentration. Ich habe nun elf Wanderetappen mit insgesamt mehr als 200km hinter mir, bin mittlerweile mit mehr als 10200Hm Auf- und Abstieg ohne Stau und Höhenkrankheit quasi auf den Mount Everest geklettert und habe damit schon etwa ein Zehntel meines Weges geschafft. Es läuft…

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