05.06.

Ich schleiche mich aus dem Lager, weil sich bei den anderen noch nichts regt. Aber es ist immerhin schon 7.00Uhr und früher (als ich noch jung war) saßen die meisten Wanderer um diese Zeit beim Frühstück. Eigentlich habe ich ja Zeit. Ich habe mich entschlossen die heutige Etappe zu verkürzen. Sie geht normalerweise bis zur Klinke-Hütte. Die Bodenseedeutschen von gestern haben aber die Mördlinger Hütte empfohlen. Sie wäre viel schöner in allen Belangen. Das bedeutet 2 Stunden weniger wandern. Heute passt es. Die Sonne scheint, der Abstieg ist gut zu finden und bald bin ich wieder im Frühling. Unterwegs treffe ich noch ein paar Gemsen, die Schmetterlinge balgen herum, die Sumpfdotterblumen blühen und unten im Tal sind die Kühe auf der blühenden Bergwiese. Ich sehe Pfauenaugen, die ich bei uns schon lange nicht mehr gesehen habe. Es geht an einem Wildbach bis Johnsbach abwärts und beim Anblick denke ich an René und Robert, deren Herzen jetzt wahrscheinlich als Wildwasserpaddler beim whitewater höher schlagen würde. Hier gibt es mit der Enns Wildwasser bis Stufe VI. Das ist allerdings eine Ansage. Beim Donnersbachwirt esse ich eine Suppe und besuche dann den Bergsteigerfriedhof in Johnsbach. Dort gibt es einige Gräber und Gedenktafeln an Bergsteiger, die ihr Leben in den Bergen verloren haben. Der berühmteste ist wohl Fritz Kasparek. Ich befinde mich im sogenannten Gesäuse- Gebirge, wo seit mehr als hundert Jahren schon Klettergeschichte geschrieben wurde. Wenn man diese Wände sieht, kann ich verstehen, daß sie für jeden Kletterer eine Herausforderung darstellen. Es sind wunderschöne Gipfel, die steil in den Himmel ragen. Ich zünde eine Kerze in Andenken an Joanne und dem jungen Mann, der vor einer Woche in der Rax sein Leben verloren hat, an. Ich bin jetzt in dem Sinne nicht katholisch oder protestantisch gläubig, aber schaden kann es nicht und es ist schon eine andächtige, besondere Atmosphäre. Viele haben bei dem, was Ihnen Freude macht, ihr Leben verloren. Die Frage der Angehörigen ist sicherlich häufig: Ist es das wert? Die Frage können die Betroffenen nicht mehr beantworten. Aber ich denke, die überwiegende Anzahl der Toten würde die Frage mit „ ja“ bezeichnen. Wie komme ich darauf? Natürlich möchte kein Mensch gerne sterben, es sei denn, er ist sehr alt oder sehr krank. Aber wer als Bergsteiger oder Kletterer in die Berge geht, weiß, daß das eine ernsthafte Sache ist. Er (sie) ist sich viel bewusster darüber, daß er sich verletzen oder sterben kann als jemand, der in ein Auto steigt. Es gibt hier kein fake oder vielleicht einen airbag. Man muss sich für seine Entscheidungen verantworten und bekommt dafür das Gefühl authentisch und lebendig zu sein. Niemand zwingt Einen, es ist eine freie Entscheidung und es ist eine eigene Entscheidung. Es ist eigentlich sinnlos auf einen Berg zu steigen und dann wieder herunter, nur um einmal oben zu stehen. Aber es gibt, wenn es gut läuft, ein tief befriedigendes Gefühl. Ich kann mich sicherlich auch sonst sehr lebendig fühlen aber die Berge sind schon ein Ort, wo es mir leicht fällt.

Dann geht es einen gut ausgebauten und markierten Wanderwege hinauf zur Mördlinger Hütte. Mit 16km und 1000mtr. Abstieg und 800mtr. Aufstieg immer noch kein Spaziergang aber endlich mal ein entspannter Tag. Der Rest des Tages gehört Apfelstrudel, Kaffee, Bier und Kässpatzen (die hier Käsnocken heißen) und Ausspannen. Ich nehme es als einen Ruhetag. Morgen geht es ans Ende meines Nordalpenweges. In Admont muss ich links abbiegen.

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