07.06.

Ich bin schon früh wach und bin gespannt auf den Tag. Ich weiß, daß der Track über die Seekoppe und den Hochrettelstein führt, beides Berge um die 2200mtr. hoch. Der letzte Berg in dieser Höhenordnung war der Hochschwab und das war nicht ohne. Ich habe es, glaube ich, schon gesagt: es gibt heuer viel Schnee in di Berg. Leider gibt es wenig Möglichkeiten diesen zu umgehen, wenn er auf jedem Berg ab etwa 1500mtr. Höhe liegt. In der Regel liegt auf der Sűdseite weniger Schnee aufgrund der Sonneneinstrahlung und auf der Nordseite mehr aus dem gleichen Grund. Dann gibt es aber auch Schneeverfrachtungen, die lokal stark unterschiedlich sind. Wir liegen zwar hauptsächlich in einer Westwindzone, aber südlich des Alpenhauptkammes sind die Verhältnisse eh anders. Und es gibt viele Mikroklimata. Was ich damit sagen will.. Im nächsten Tal kann alles anders sein und ich weiß eigentlich nicht, was mich nach der Überschreitung eines Passes oder Kammes erwartet. Natürlich versuche ich vorher Infos über die Verhältnisse einzuholen. Aber immer wieder bekomme ich zu hören: Noah, do is fuil Schnee da oba, i woas do nit, obba scho ana do goanga is.

Die Wenigsten verstehen, was mein Problem ist. Du kunnst ja a ummi foarn… Genau aber das will ich nicht. Ich muss also selber schauen, wie die Verhältnisse sind. Wenn ich eine Spur im Schnee andeutungsweise erkennen kann, beruhigt mich das ungemein. Zumindest ein Verrückter ist hier schon gegangen und noch besser, wenn die Fußabdrücke nicht zurück führen. Also ist er irgendwo abgestürzt oder weiter gekommen. Der Tag beginnt mit dem Aufstieg über eine Bundesstraße, was natürlich bequem ist. Es gibt keine Zecken und die Wegführung ist eindeutig. Nach 8-10km wird die ständige gleichmäßige Steigung aber meditativ. Das Wetter ist stabil schön. Irgendwann hinter Oppenberg kurz vorm Oberriedner geht’s rechts ab. Von der gut ausgebauten Straße geht’s steil einen Alpensteig hinauf, der ständig durch Windbruch versperrt ist. Weiter oben sind dann Schlammmurren abgegangen und versperren wieder den Weg. Dann gibt es Altschneefelder und schwer zu überquerende Schmelzbäche und dann gibt es nur noch Schnee. Der Track führt zwischen zwei kleinen Bergseen hindurch, die allerdings mit Schnee bedeckt sind. Wenn man es nicht weiß, läuft man schön über eine flache Senke, wenn der Schnee trägt… wenn nicht, hilft Schwimmen auch nicht mehr. Dann steilt sich der Schnee auf und 100mtr. weiter oben muss irgendwo das Gipfelkreuz der Seekoppe sein. Menschliche Spuren habe ich schon lange nicht gesehen. Da ich die weiteren Verhältnisse nicht überblicken kann, beschließe ich ohne schweren Rucksack aufzusteigen. Erst als ich am Gipfel zumindest einigermaßen den weiteren Verlauf des Weges und die Verhältnisse überblicken kann, steige ich vorsichtig in meinen Steigspuren zurück zum Rucksack und hole ihn und steige wieder zum Gipfel auf. Diese Passage geht schon etwas an die Nerven. Am Gipfel weiß ich, dass jetzt noch mindestens dreieinhalb Stunden bis zur nächsten menschlichen Ansiedlung sind. Aber soweit ich den Weg überblicken kann warten keine gefährlichen Stellen mehr auf mich. Es ist 14.30Uhr und bestes Wetter. Ich habe ausreichend Reserven und könnte noch zur Not umkehren. Aber natürlich wird es psychologisch bei riskanten Situationen den Rückzug anzutreten immer schwieriger. Wenn Du weißt, daß Du den halben Tag zurück laufen musst und diese nächsten fünf Meter das letzte schwere Hindernis vor der sicheren Hütte sind, dann steigt die Risikobereitschaft. Zehn Minuten nach Beginn der Wanderung würdest Du sicherlich umkehren. Gottseidank werde ich auf diese Weise nicht mehr geprüft. Ich bin aber weiterhin hochalpin unterwegs und nach einem langen schneefreien südseitigen Abstieg zur Planneralm gerate ich nochmal in ein ungefährliches aber ungemein schneereiches Hochtal. Man könnte hier noch Sulzschneelaufen..

Apropos ungefährlich… beim Abstieg im schneefreien Bereich komme ich um eine Ecke und trete fast auf eine Kreuzotter. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine lebendige gesehen, erkenne sie aber sofort. Sie hat mehr Angst vor mir als ich vor ihr und schlängelt sich in Unterholz.

Endlich bin ich in dem verlassenen Wintersportort Planneralm. Wo vor Wochen noch der Skizirkus tobte, ist alles ausgestorben. Ich finde aber doch noch ein Zimmer und bekomme auch noch gut zu essen. Die Welt ist wieder in Ordnung. Ich möchte nicht inflationär mit Superlativen wie Trump umgehen und ich lege es auch nicht darauf an, Höchstleistungen zu vollbringen. Ich möchte eigentlich nur in aller Ruhe von Wien nach Nizza wandern. Aber die Wegführung hat mich auch heute wieder in einem Extrembereich gebracht. 27km Länge, fast 2000mtr. Aufstieg und 1000mtr. Abstieg. Es kann eigentlich nur noch bequemer werden.

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