09.06.

Ich sitze auf der Erzherzog Johann-Hütte in der Sonne und habe ein halbes Bier intus und warte auf die Steyrer Käsnocken. Die Wirtin hat mich vorgewarnt. Der Käse wäre von hier, also sozusagen nicht von schlechten Eltern. Aber ich bin ja Herausforderungen gewohnt und Wiener Schnitzel kann jeder.

Der Tag passiert Revue und irgendwie leert sich mein Glas zusehends. Neben mir sitzt eine Gruppe Eingeborener und lacht sich weg. Überhaupt sind die Leute hier alle herrlich entspannt und sehr gesellig. Man hockt zusammen, trinkt Bier und lacht. Die meisten Witze verstehe ich nicht… Aber es ist trotzdem sehr schön, kenne ich aus Ratingen nicht. Alle Leute, die ich treffe, sagen „Grues di“, das klingt warm und vertraut. Die Leute hier sind sicherlich viel direkter, vielleicht auch mal ein bisschen barsch, aber ich mag sie. Der Wirt von der Pension Purkhardt heute morgen und der Wirt der Mösbacher Hütte, wo ich nochmal nach den genauen Verhältnissen bei der Gstemmer Scharte gefragt hatte, haben beide drum gebeten, sie zurück zu rufen, wenn ich sie hinter mir hätte. Da kümmert man sich um einen wildfremden Menschen, in Ratingen auch eher selten.

Tja, die Tour heute. Das Wetter hätte besser nicht sein können und nach ein bisschen Einlaufen spielen auch meine Schulter und das ISG wieder mit. Ich komme an einer schnuckeligen Almhütte, der hinteren Mösbachalm, vorbei. Man kann sie mieten und sie ist wie aus dem Bilderbuch. In meiner Phantasie wohne ich hier mit Ines ein, zwei Wochen und laufe nur ins Tal um Bier und Grillwürstchen zu holen. Bzw. es führt eine Forststrasse herauf und ich würde wohl doch das Auto nehmen. Kurze Zeit später hört die Idylle auf, als ich mal dem markierten Steig zur Gstemmerscharte folge. Ich bin wohl wieder der Erste, der dieses Jahr hier durch den Schnee stapft. Steigspuren sind jedenfalls nicht zu sehen. Die Orientierung ist an und für sich nicht schwierig. Scharten haben die Eigenschaft, daß es links und rechts noch steiler ist. Und diese Scharte wird zum Kamm hin immer steiler. Es ist aber wieder kein tödliches Absturzgelände, sondern hundert Meter unter mir würde mein Rutscher irgendwo im sulzigen Schnee enden. Zum Schluss hacke ich mit meinen Fussspitzen wieder Trittstufen frontal in der Schnee und steige die letzten Meter auf den Kamm. Mal wieder geschafft. Ich mache eine Pause und genieße die Aussicht. Die Schlüsselstelle hätte ich hinter mir… dachte ich. Der Abstieg geht weniger steil über Altschneefelder in das Sölktal. Durch den heftigen Schmelzprozess sind die Hänge matschig und nass. Der Weg selber ist häufig eher ein kleiner Schmelzbach. Überall kommt das Wasser hervor und sammelt sich in immer dickeren Bächen. Es ist wie ein Geflecht von Äderchen, die sich zu Adern und Arterien vereinen, je tiefer ich komme. Zunächst hört man nur ein Tröpfeln, dann ein Gluckern und dann ein Plätschern, dann beginnt ein Rauschen. Meine Schuhe sind schon lange durch. Ich habe allerdings eine Art wasserdichte Socke, die zumindest eiskalte Füße bis dato verhindert. Einen stärkeren Bach überquere ich noch, indem ich versuche, mehrere dicke Felsbrocken in die Bachmitte zu platzieren. Dann habe ich ein Problem. Der nächste Bach ist so stark durch die Schneeschmelze, dass ich ihn nicht überqueren kann, ohne mein Leben zu riskieren. Es ist so blöde. Auf meiner Seite ist die Wegmarkierung und auf der anderen Seite des Baches die weitere. Der Bach ist vielleicht 2,5 – 3 Meter breit. Er rauscht aber nicht, sondern tost. Und das Bachbett fällt steil ab. Das Problem hatte ich in ähnlicher Form schon einmal. Damals habe ich doch noch eine Übergangsmöglichkeit gefunden. Hier.. no way.. das wäre schon die beste Stelle. Unterhalb dieser Stelle brauche ich erst gar nicht versuchen, da kommen nur noch mehr Zuläufe hinzu. Nach oben hin muss ich die Zuflüsse dieses Baches umgehen, der sich aus drei großen Bächen speist. Einen Zufluss hatte ich beim Abstieg schon gequert und mit Felsen gangbar gemacht. Aber da sind noch zwei andere. Ich muss das Einzugsgebiet aller drei Bäche umgehen und die Bäche an  Stellen überqueren, wo sie noch nicht so stark sind. Nach etwa einer Dreiviertelstunde stehe ich exakt auf der anderen Seite des Baches, wo ich nicht mehr weiter gekommen bin. Diesmal auf der richtigen Seite. Allerdings muss der Bach weiter unten noch einmal überquert werden. Aber da ist eine Brücke eingezeichnet. Als ich dort ankomme, wieder die gleiche Situation.. Ich muss auf die andere Seite, aber da ist keine Brücke mehr. Natürlich ist der Bach noch breiter und wilder. Allerdings ist etwas tiefer gelegen ein Lawinenkegel, der über dem Bach liegt und von ihm unterspült wird. Diesmal ist es eine Schneebrücke, die Gottseidank trägt. Danach ist der Abstieg relativ unproblematisch. Dann geht es über 10 km über die Bundesstraße durch das sehr schöne Sölktal. Mich passieren in dieser Zeit zirka 60 Motorräder… Zum Schluss geht es parallel zur Straße auf den Römerweg und irgendwann kurz vor der Hütte stellt sich mir schon wieder ein Wildbach ohne Brücke in den Weg. Er hat nicht diese Wucht und ist breiter wie seine Vorgänger. Also Schuhe aus und durch.

Die steyrischen Käsnocken waren übrigens lecker. Wenn Ihr schon mal in einem richtigen Kuhstall gewesen seid und den Kuhgeruch kennt, so intensiv haben die Käsnocken geschmeckt. Der Wirt hat mich mittlerweile den anderen vorgestellt. Ich sei der erste Weitwanderer dies Jahr, der wo duarch di Gstemmerscharte gekummert is. Ein bisschen stolz bin ich scho äh schon…

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