18,06.

Selbsterfahrung is nia guat… das sind die Worte einer Frau, die ich an einer Bank voller ausgestopfter heimischer Entenvögel treffe. Auf einer Wiese traue ich meinen Augen nicht. Was ist das da auf der Bank? Der Kindergarten hat den letzten Tag vor den Ferien genutzt, um die Kleinen mit der heimischen Tierwelt vertraut zu machen und hat im Wald Stationen mit verschiedenen Tiergattungen aufgebaut und die Betreuerin der Enten ist entschieden dagegen, daß Männer auf Wanderschaft gehen. Sie persönlich hat schlechte Erfahrungen gemacht. Ihr Mann ist auf dem Jacobsweg gepilgert und seitdem sind sie geschieden. Ich versuche noch verschiedene Aspekte für eine lange Wanderung alleine anzubringen. Aber sie ist überzeugt, dass da nichts Gutes entstehen kann und bemitleidet wohl insgeheim unbekannterweise Ines. Trotzdem wünscht sie mir noch einen guten Weg, auch wenn ich ihr anscheinend nicht geheuer bin.

Hier muss ich dann doch ein paar Gedanken zu dem Thema äußern. Hin und wieder werde ich gefragt, ob ich pilger und ich verneine vehement. Ich möchte nicht mit den Pilgern aus Glaubensgründen in einen Topf geworfen werden. Natürlich weiß ich viel zu wenig über christliches Pilgern oder auch die Hadsch aus moslemischen Beweggründen, als das ich mich wirklich dazu äußern könnte. Ich möchte mich auch nicht über die Beweggründe eines Pilgers herablassend äußern. Irgendwie hat es ja Konjunktur auf den Jacobsweg zu gehen und spätestens nach „Ich bin dann mal weg“ gibt es ja auch illustre Typogramme von diversen Pilger(n)rinnen.

Nein, ich bin ein Berggeher auf Egotrip und trotzdem bin ich auch ein Pilger. Laut Google muss ich mich belehren lassen, dass das lateinische peregrinus zunächst nichts anderes bedeutet, als in die Fremde gehen. Das tue ich in einer bestimmten Absicht. Ich möchte erfahren, wer ich bin und was ich kann, wenn ich meinen Komfortbereich verlasse. Ich stehe dem Thema Selbsterfahrung positiv gegenüber und möchte aber auch nicht als neuer, anderer Mensch zurückkommen, der mit den bisherigen Verhältnissen bricht und sich neu verwirklicht. Vielleicht klingt das etwas abgehoben. Ich genieße es, mit mir alleine zu sein und meine Sinne ohne Ablenkung für diese wunderbare Natur wieder zu öffnen. Natürlich würde ich viele Erlebnisse auch gerne mit meiner Frau Ines teilen. Aber aus Erfahrung wissen wir, dass dies nicht immer möglich ist. Diese Wanderung würde so zu Zweit nie stattfinden. Diese Erfahrung kann ich so nur alleine machen und ich bin Ines sehr dankbar, dass sie auf gemeinsame schöne Erlebnisse verzichtet und mir diese Alleinseinzeit gönnt. Da steht bei ihr auch sicherlich weniger die Angst im Raum, daß ich als andere fremde Person zurückkomme oder mit einer Sennerin durchbrenne. Aber wir sind lange Zeit nicht zusammen und natürlich hat sie auch Angst um mich, wenn ich alleine in den Bergen bin. Ich mute ihr Einiges mit meinem Egotrip zu und vielleicht komme ich ja, wenn überhaupt verändert, dann im positiven Sinne, zurück und ruhe aufgrund meiner Erfahrungen noch etwas mehr in mir selber. Dann würde unsere Beziehung neben mir auch profitieren.

So, dies zum Thema Selbsterfahrung. Der Weg führt heute bei heißem Wetter zunächst noch durch einen schönen, schattigen Wald, wo schon die Römer unterwegs waren. Unvorstellbar, was die Jungs schon vor ca. 2000 Jahren auf dem Kasten hatten. Dann quere ich die A2Autobahn und auf Forstwegen geht es der Gail, einem Zufluss der Drau und Namensgeberin der Gailtaler Alpen, entlang. Endlich erreiche ich Arnoldstein, einem Dreiländereck zwischen Österreich, Italien und Slowenien. Im Café wird schon mehr italienisch als österreichisch gesprochen. Hier endet der Salzsteigweitwanderweg. Nach dem Nordalpenweg schon der zweite Weg, der mich über mehrere Etappen meinem noch immer über 1400km entfernten Ziel entgegen gebracht hat. Als nächstes ist der karnische Höhenweg oder auch Südalpenweg auf der italienisch-österreichischen Grenze dran, der Sentiero del Pace. Hier haben sich Österreicher und Italiener im ersten Weltkrieg einen gnadenlosen Stellungskrieg geliefert, dessen Zeugnisse mir in den nächsten Tagen begegnen werden.

Dafür muss ich nach Thörl Maglern. Die Römer hatten auch hier schon die Verkehrsanbindung geschaffen. Leider haben sie auf dem Römerweg vergessen, die Brennnesseln zu schneiden, aber der letzte Römer war ja auch schon vor zig Jahren hier unterwegs. Jedenfalls begehe ich ein Kette von Fehlern. Anstatt mich beim Consul oppidum Arnoldpetrus oder dem Wegeverkehrsamt zu beschweren oder die Brennnesseln zu mähen, weiche ich in das parallel verlaufende mehr oder weniger trocken gefallene Flussbett der Gailitz aus und verfolge dieses flussauf, um an geeigneter Stelle wieder das Bett zu verlassen und durch das Unterholz auf den ca. 50mtr. entfernten Römerweg zu stoßen. So richtig einladend sieht das Ufer aber für längere Zeit nicht aus. Dann treffe ich auf ein nacktes, sonnenbadendes Paar auf meiner Flussseite. Rücksichtsvoll, wie ich nun mal bin, wechsel ich über einen hier noch vorhandenen Steinwall trockenen Fusses die Flussseite. Der Fluss führt nicht viel Wasser. Weiter oberhalb muss ich aber wieder zurück auf die andere Seite. Hier verläuft der Römerweg lt. GPS sehr nah am Ufer und im weiteren Verlauf entfernt er sich dann zusehends. Also nichts wie rüber. Aber hier gibt es keine passenden Steine mehr, über die ich trockenen Fusses auf die andere Seite komme. Das fällt mir aber erst auf, als ich schon zwei, drei Meter auf herausragenden Steinen übersetzen wollte. Was jetzt folgt, ist einfach blöde. Mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken auf zwei vom Wasser umspülten Steinen stehend, versuche ich, mir die Schuhe und Socken auszuziehen. Das gelingt sogar Pilates sei Dank. Als ich dann aber auf den absolut glitschigen, nassen Steinen mit nackten Füssen und dem Schuhpaar in einer Hand versuche, den Fluss zu überqueren, rutsche ich ein wenig aus. Ich muss mich mit der beschuhten Hand kurzfristig abstützen und gebe einen Schuh frei, der als kleines Bötchen mit einem Socken als Passagier zwischen meinen Beinen im dahinfließenden Wasser entschwindet. Im letzten Moment erwische ich den Schuh und bringe ihn zum Kentern. Aber ich bin wieder im Besitz zweier Schuhe und versuche nun unter Qualen den Rest des Flusses zu queren. Ich kann nicht aufrecht stehen und bewege mich wie eine alte Schildkröte auf allen Vieren mit dem Rucksack auf dem Rücken dem Ufer zu. Die Füße rutschen regelmäßig auf den glatten Steinen in irgendwelche Minicanyons, was schweineweh tut. Normalerweise schmerzt Blödheit ja nicht, wenn man manche Menschen so betrachtet, aber ich muss dafür redlich bezahlen. Auch als ich wieder am trockenen Teil des Ufers stehe, habe ich noch nicht gewonnen. Dies ist das Prallufer. Hobbypaddler wissen, was das ist.. Das ist da, wo man kentert, wenn die Strömung einen dagegen drückt. Jetzt ist keine Strömung da, dafür aber ein sehr steiles Ufer, das mehr oder weniger in Urwald übergeht. Fünfzig Meter von hier und zirka 20mtr. oberhalb von mir sind vor 2000 Jahren richtige Römer vorbei gekommen und haben mir dort den Weg geebnet. Aber „eben“ nur dort. Ich klettere durch das Unterholz und bleibe alle paar Meter mit meinem Rucksack im Dickicht hängen. Total verschwitzt und von phytogenen Zerfallsprodukten bedeckt erreiche ich die via romana und dann auch den Gasthof in Thörl Maglern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.