12.07.

Nach einer ruhigen Nacht schüttet mir die 82jährige Wirtin nach dem Frühstück ihr Herz aus und beklagt sich über Gäste, die um einen Euro bei der Übernachtung feilschen. Sie ist sehr mitteilsam und mir wird es dann doch ein bisschen viel, zumal Sie während des Gespräches immer mehr vergisst, dass ich nur des Hochdeutschen mächtig bin. Ja, so hat jeder sein Kreuz zu tragen und ich zumindest zur Zeit meinen Rucksack.

Ich hatte mich ja auf der Obstanzer Hütte von Alex und Rudi, den beiden anderen Wien-Nizza-Wanderern, verabschiedet. Sie hatten einen anderen Weg durch die Dolomiten genommen und mussten aus familientechnischen und aufgrund einer Ehrung in München einen Zwischenstopp einlegen. Nun sind sie wieder auf Tour und ab Meran mir sozusagen einen Tag voraus. Von beiden Seiten ist das Interesse da, uns wieder zu treffen. In der Annahme, die Beiden wären ein beträchtliches Stück voraus, nehme ich mir eine Etappe von Naturns nach Prad, einem Dorf am Beginn der Stilfser-Joch-Passstrasse, vor. Bis auf ein paar kleine Highlights in Form von Blumen und Teichen geht der Weg hauptsächlich über einen gut ausgebauten Radweg der Etsch entlang. Das gesamte Tal ist bedeckt mit Apfelplantagen, die in diesem Klima prima gedeihen. Die Etsch ist in ihrem Lauf über weite Strecken begradigt und so ist der Weg zwar in gewisser Weise bequem aber auch langweilig, jedenfalls für einen Wanderer wie mich…

Der Radweg ist vielfach zweispurig und hauptsächlich in Richtung flussabwärts stark frequentiert. Woran das wohl liegen mag? Es gibt Tourenradfahrer mit Satteltaschen, Mountainbikefahrer mit und ohne Rucksack und Rennradfahrer in Trikots von irgendwelchen Rennställen. Vielen Radlern gemeinsam ist ein gewisser verbissener Gesichtsausdruck hinter den stylisch verspiegelten Sonnenbrillen und ich bemühe mich, als nun wieder einsamer Wanderer jeden Entgegenkommenden freundlich zu grüßen. Etwa 20% grüßen zurück, in der Hauptsache Frauen, die hinter ihren Männern her fahren. Unter den Rennradfahrern grüsst, glaube ich, keiner. Kann auch sein, daß sie einfach zu schnell vorbei sind. Der Anteil der elektrisch assistierten Pedalritter ist ziemlich hoch. Ich schätze ihn auf etwa 70%. Was ich immer nicht verstehe, ist die Tatsache, dass sich selbst normale Radler, also übergewichtige Menschen, die vielleicht 40-50km am Tag fahren, trotz Ihrer Premium-Softsättel noch diese gepamperten Radlerhosen tragen müssen. Da kann man doch noch was Hübsches drüber tragen.. Ich war jetzt einfach zu lang unterwegs auf dieser Radlerautobahn..

An einem Teich sehe ich eine fünfköpfige Gruppe vielleicht zehn- bis 14- jähriger Jungs angeln und tatsächlich beißt ein gar nicht so kleiner Fisch an. Gemeinsam schaffen sie Beute ans Ufer. Der Fisch zappelt und der jugendliche Angler versucht ihn mit einem Holzklotz zu töten. Dabei geraten die Schläge aber zu zaghaft und man merkt es dem Jungen an, daß es ihm schwer fällt, den schönen Fisch zu töten. Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als es mir ähnlich gegangen ist. Bei einem Computerspiel geht das einfacher…

Ach ja und Prad habe ich dann auch irgendwann erreicht. Rudi und Alex habe ich dabei unbemerkt überholt, weil sie eine kürzere Etappe gegangen sind, als ich angenommen habe.

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