23.07.

Es ist wieder ein wunderbarer Morgen mit strahlend blauen Himmel. Wir verlassen Juf über teilweise alte Wege, die vermitteln, wie schwer es die Menschen in früherer Zeit gehabt haben. Bevor relativ spät eine Zugangsstrasse in dieses Tal gebaut wurde, war der Zugang durch eine tiefe Schlucht, die der Averser Rhein gegraben hat, sehr schwierig und gefährlich. Der Weg bietet schöne Ausblicke auf zunächst die Almen das Tal hinunter und dann in der Schlucht auf den schäumenden, glasklaren Averser Rhein. Dann erreichen wir Inerferrara, wo Alex und Rudi ein Zimmer im Gasthof Alpenrose reserviert haben. Allerdings hat der Gasthof Ruhetag und die Reservierung ist zwar klar, aber alles andere ist unklar, da die Gaststube selbst geschlossen ist und niemand da ist. Gibt es noch Essen, wann kann man auf das Zimmer usw.? In dem Ort gibt es sonst keine Möglichkeit zum Einkaufen, Essen oder Übernachten. Irgendwann ist dann klar: die Beiden haben ihr Zimmer und Abendessen und ich nicht. Kein Platz mehr. Eigentlich wollten wir heute Abend noch mal schön und gemütlich einen letzten Abend zusammen verbringen. Rudi und Alex wollen nämlich noch bis Airolo am Gotthard, um dann die Grande traversata delle Alpi von Anfang an zu erwandern, während ich sozusagen einen Kompromiss zwischen dem Track von Alex, dem Weitwanderer und der Version von Alex und Rudi gewählt habe und dem Rother Wanderführer nach Bellinzona folge. Dies ist sozusagen eine Abkürzung, wenn man die Wegführung von Alex und Rudi nimmt und ein Umweg, wenn man Alex, dem Weitwanderer folgt. Wie dem auch sei. Eine Trennung von Rudi und Alex ist unerlässlich, aber jetzt ist auf jeden Fall die Dynamik unerwünscht. Innerhalb von zehn Minuten ist klar: Ich kann nicht bleiben und muss mir einen anderen Schlafplatz suchen und die Abschiedsfeier wird es so nicht geben. Der nächste sichere Schlafplatz mit Essen auf meiner Route ist das Rifugio Bertacchi, dreieinhalb Stunden und 800Hm hinauf entfernt. Es ist 14.30Uhr und über dreißig Grad in Innerferrara. Dann mal los. Ich bin traurig, die Beiden ohne mindestens eine gehörige Portion Rotwein oder Weißbier zu verlassen. Schließlich hat uns das Kismet auf abenteuerliche Weise zusammengeführt und ich schätze die Beiden inzwischen sehr. Mal abgesehen davon, daß sie genauso bescheuert sind wie ich und die Herausforderung dieser Alpendurchquerung annehmen. Alex, der ehemalige Heeresbergführer mit seiner Liebe zu den Bergen und seinem profunden Wissen und Rudi mit seiner zurückhaltenden Art und seinem Humor und seinem Mut, sich auf interessante Reisen trotz mittlerweile einer körperlichen Einschränkung einzulassen und sich nie bei der Reiseleitung zu beschweren . Beide sind sehr offen zu mir gewesen und ich habe zwei liebenswerte Menschen kennengelernt, die ihr Leben gemeistert haben und trotzdem noch neugierig sind. Dann auch noch zum guten Schluß. Ich war ja immer das Kücken in unserer Wandergemeinschaft auf Zeit. Die beiden sind wahrscheinlich die ältesten Wien-Nizza Wanderer, die jemals zu dieser Wanderung aufgebrochen sind. Sechs Jahre Altersunterschied entscheiden in unserer Altersgruppe schon über Sein oder Nichtsein.? Und wenn Ihr wollt, könnt Ihr Euch ne Scheibe bei den Beiden abschneiden.

So, und nun bin ich die Beiden wieder los und wandere ziemlich unschwierig die Almen empor, um dann irgendwann den Pass da Niemet zu erreichen und damit auch wieder bella italia. Unter mir liegt ein tiefblauer Bergsee und das auf einer Anhöhe thronende Rifugio Bertacchi, wo der Hüttenwirt Luigi sein Unwesen treibt. Ein netter Typ, der allerdings Menschen, die mit seinem Essen nicht einverstanden sind, aus der Hütte schmeißt. Da versteht er keinen Spass. Das Bier ist Sch…. lecht, aber ich traue mich nicht, es ihm zu sagen. Das Abendessen mit Rotwein ist lecker und reichhaltig. Nach zwölf Stunden Nahrungsentzug und 30km Laufleistung und 1200Hm rauf und runter eigne ich mich allerdings auch nicht mehr als Testesser für den Guide Michelin. Mir schmeckt alles….

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