06.08.

Die Wiedersehensfreude war groß und wir haben es dann auch noch geschafft in einer Trattoria ein sehr leckeres Essen zu bekommen. Am Morgen gab es dann ein fürstliches Frühstück im B&B. Wir haben das grande colazione bestellt und zahlen dafür 5 Euro pro Person mehr. Aber es ist die Sache wert und wir bekommen sogar noch Tüten zum Einpacken. Dann geht es lange über eine Mulattiera aufwärts. Es ist sehr schwül und nach kurzer Zeit sind wir durchgeschwitzt. Gegen 12.30 Uhr sind wir schon an dem posto tappa, welches nach etwa 1000Hm angepeilt war. Es ist ein Bauernhof mit angeschlossener Bewirtung und Übernachtungsmöglichkeit. Es macht auf uns keinen so richtig ansprechenden Eindruck und wir verspeisen nur ein paar Macaroni. Weiter oben ist das Rifugio Chiaromonte, eine im Rother Wanderführer beschriebene Selbstversorgerhütte. Petra geht es kräftemässig gut und es ist noch früh am Tag. Es sind zwar Gewitter für den Nachmittag mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angesagt, aber auch erst gegen später. So passen die zweieinhalb Stunden Aufstieg noch ins Konzept. Weiter oben zieht es zu und die Sicht geht gegen 10m. Wir tasten uns durch den feuchten Nebel der Wolken und erreichen nach 1800Hm das Rifugio. Es ist verschlossen. Ich hatte gelesen, das der Schlüssel in der nahe gelegenen Alpe Chiearomonte bei Georgio zu bekommen sei. Also weiter im Nebel, bis wir unscharf die Umrisse der Alpe erkennen können. Alessio, ein fünfzehnjähriger älter wirkender junger Mann begrüßt uns und gibt zu verstehen, dass das Rifugio seit fünf Jahren geschlossen sei und er und Georgio keinen Schlüssel mehr von der Gemeinde hätten. Jetzt ist guter Rat teuer. Es ist gegen 16.00Uhr und die nächste Übernachtungsmöglichkeit liegt drei Stunden entfernt und abseits des GTA oder 4, 5 Stunden entfernt in Fondo auf dem GTA. Für mich wäre das aufgrund meines langen Trainings noch machbar aber Petra deutet an, daß ihr Akku auf Reserve geht. Wir fragen Alessio, ob wir auf der Alpe übernachten könnten. Das müsste Georgio entscheiden, und der hüte die Kühe. Ich solle ihm folgen. Im Eiltempo geht es in den Nebel Richtung Kuhglocken und nach Zuruf finden wir den 72jährigen mit einem Lederhut ähnlich einem Cowboyhut auf dem Kopf im Gras sitzend. Alessio klärt ihn über die Lage auf und Georgio wirft mir einen prüfenden Blick zu. Er erlaube nicht jedem, bei ihm zu übernachten, meine ich zu verstehen, aber es sei in Ordnung. Alessio führt mich zurück und zeigt mir das Bett. Es ist direkt auf dem Boden über dem kleinen niedrigen Kuhstall. Dort steht noch ein anderes Bett und für die Hunde ist ein Platz mit Paletten abgesperrt. Es ist eigentlich stockdunkel da oben und Alessio leuchtet mit der Taschenlampe auf ein altes mit diversen alten Decken bedecktes Doppelbett. Haben wir eine Wahl? Wohl kaum und ich sage bene. Wie sich herausstellt, ist es das Bett des alten Georgios. Er schläft in dieser Nacht im Bett von Alessio und dieser auf einer aus einer Ecke hervorgekramten Matratze. Der Boden ist mit unterschiedlich dicken Planken und Bohlen ausgelegt und breite Fugen und Zwischenräume lassen den Kuhstall erahnen. Wir haben nun ein wenig Einblick in das harte Leben eines Alpbauern. Die zwanzig Kühe werden von der Weide mittels Rufen und hervorragend trainiertem Hütehund in den vergleichsweise winzigen Stall getrieben und dort angekettet und per Hand gemolken. Dabei kommen morgens und abends ca. 35lrt. Milch zusammen, aus denen dann sofort vor Ort Käse und Butter gemacht werden. Die Butter tatsächlich mit einem handbetriebenen Butterfass. Die Butter und der Käse werden dann alle paar Tage mit zwei Mulis drei Stunden abwärts nach Traversella gebracht und dort verkauft. Georgio leidet unter Rheuma und kann mit zwei Stöcken kaum schmerzfrei gehen. Jeden Tag während drei Monaten auf der Alp stehen die Beiden um 7.00Uhr auf und gehen bei Dunkelheit ins Bett. Es gibt keine Heizung und keinen elektrischen Strom und natürlich auch kein Netz. Nachdem das Vieh versorgt ist, kocht Georgio Spaghetti und dazu gibt es geschmolzenen Käse und Rotwein. Sehr einfach und sehr lecker. Leider ist die Kommunikation doch sehr schwierig, zumal Georgio keine Frontzähne mehr hat. Aber wir verstehen uns doch irgendwie mit Händen und Füßen und ich übersetze für Petra, was ich meine, verstanden zu haben. Dann geht es ins Bett, welches doch recht feuchtklamm ist und eigentlich noch etwas mehr Rotweinkonsum erfordert hätte. Zum Einen zur Überwindung gewisser hygienischer Zweifel als auch für eine betäubte Nacht. Unter uns stehen zwanzig Kühe, die nicht nur Wärme liefern. Unmissverständlich sind die verschiedenen Ausscheidungen zu hören und natürlich auch das Gebimmel der Glocken. Nachts schlagen die Hunde einmal längere Zeit an. Und dann gibt es auch einen andauernden prasselnden Regen.

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