02.09.

So ein bisschen aufgeregt war ich die Nacht ja doch. Ich weiß, in Kürze wird etwas anders sein und ich werde kein Ziel mehr haben, auf welches ich losmaschieren kann. Wie wird sich das anfühlen?

Aber schon beim Frühstück ist es wie immer. Der Wecker klingelt um 6.45Uhr, ich packe meine Siebensachen und finde meinen Rucksack ganz schön schwer, also habe ich nichts vergessen. Ich genieße den Kaffee und dann geht es auf die Straße. Die elektronischen Devices werden eingeschaltet und der Track zeigt mir, wo es lang geht. Schnell bin ich auf einem Wanderpfad und auch die erste Bremse hat mich schon wieder gefunden. Es geht im Wald bergauf (bergauf? Ich will doch ans Meer und das ist unten! ) und zwischen den Bäumen ist schon nach kurzer Zeit am Horizont zwischen den Berg rücken eine Ebene und, ja, ganz eindeutig das Meer zu sehen. Jetzt könnte man annehmen, Freude steigt auf, der Blick wird klarer und der Schritt beschleunigt sich. Nein, bei mir läuft der Schweiß in Strömen (es ist nämlich jetzt schon heiß) , ich muß aufpassen, daß ich mir bei dem holprigen Weg nicht die Knochen breche und das Insekt, welches mich umschwärmt, hoffentlich keine Mücke oder Bremse ist und immer wieder diese Spinnennetze aus dem nassen Gesicht wischen. Das da hinten irgendwo das Meer ist, ist ja ganz nett, aber noch bin ich längst nicht da. Und da ist auch keine schöne rollrasengepflegte ehemalige Eisenbahntrasse, die gemächlich geneigt mich schnurgerade auf das Meer zutänzeln lässt. Von der mir kühle Getränke reichenden, applaudierenden Menschenmenge mal ganz zu schweigen. Nein, ich bin immer noch allein in der Pampa bzw. der immergrünen, anthropogenen Gebüschformation der mediterranen Hartlaubvegetationszone namens Maccia. Und hier gibt es alles, nur kein Wasser.

Leider waren meine Vorstellungen davon geprägt, daß ich im urbanen Dunstkreis von Nizza von einem Örtchen zum nächsten wandere und bei der ein oder anderen Bar ein Perrier oder ähnliches trinken könnte. Jedenfalls habe ich aus Gewichtsgründen nur etwa 3/4lrt. Wasser dabei. Nun, nach fünfeinhalb Stunden wandern mit 640mtr. Anstieg und 1200mtr. Abstieg und 25km Distanz bei wolkenlosen Himmel und mindestens 29°C im Schatten (es gibt kein Schatten! ) interessiert mich an Nizza nur Eines :Da unten gibt es Wasser und wahrscheinlich auch Schatten. Nein, ich freue mich nicht darauf, ins Meer zu springen… ich freue mich auf Wasser zum Trinken. Das nur nochmal zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Es geht mit der Performance relativ rapide bergab, wenn die Sonne einen austrocknet.

So, also der Wassertank ist wieder voll und jetzt, endlich jetzt müsste doch unendliche Freude hervorquellen… Du hast es geschafft. Nein, noch nicht ganz.. Ich betrete eine urbane Metropole, die bis auf das Stadtzentrum nicht auf Fußgänger eingerichtet ist. Die Stadt mit ihren an den Bergwänden gebauten Villen ist schön, ohne Frage. Es dauert eine Weile bis man aus der Peripherie das Zentrum erreicht, aber dann erschlägt es einen. Drei Monate habe ich auf den Wegen mehr Murmeltiere als Menschen gesehen und hier laufe ich über die Kö, Zeil, Maximillianstrasse und Unter den Linden in einem Stück. Dann komme ich zum Meer. Endlich, aber wo ist der Platz, die Wanderung kontemplativ Revue passieren zu lassen. Die meisten Strandabschnitte sind mit Sonnenliegen bepflasterte Areale, die nur für Grillhähnchen vorgesehen sind.

Nun ja, ich bin tatsächlich angekommen und es geht ja auch nicht um Nizza, Menton oder Ventimiglia. Es geht mir darum, einen Traum in die Realität umgesetzt zu haben und das muss sich erst noch setzen. Heute bin ich nur an das Ende einer Etappe (der letzten dieses Weges) gelangt und habe wieder eine Unterkunft gesucht und gefunden. Alles hat gut geklappt und ich bin zufrieden. Es ist wie jeden Tag. Morgen aber ist es anders.

Es gibt diese Geschichte von den als Trägern verdingten Indianern, die sich eines Tages nicht mehr weiter bewegen wollen. Als Grund nennen sie, daß sich ihre Seelen erst wieder einfinden müßten. Ein Teil meiner Seele möchte gerne da oben in den Bergen bleiben und traut sich noch nicht wieder in diesen Lärm, die eilende Geschäftigkeit und diese Äußerlichkeit. Ich bin vielleicht zu weit und zu schnell gelaufen. Trotzdem, wenn es denn ein Schlusswort geben soll.. Ich habe keinen Tag dieser Wanderung bereut. Ich bin sehr dankbar für das Glück, sie gemacht haben zu dürfen und zu können. Ich habe eine Freiheit erlebt, wie schon viele Jahre nicht mehr und war der Natur wieder nahe. Ich habe viele nette und einige sehr hilfsbereite Menschen kennengelernt. Űber die immer wieder aufbauende Kommentare von den schon bekannten netten Menschen und Freunden habe ich mich sehr gefreut und das so viele Menschen Anteil an meiner Wanderung genommen haben. Alex, Rudi, Robert, Petra, Maja und Ruedi haben mich begleitet und durch ihre Anwesenheit und das Teilen von Erlebnissen bereichert.

Meine Frau Ines hat mir vertraut und mich ziehen lassen.

Ich habe auch großen Respekt vor den Menschen, die die Stellung zu Hause halten und so eine Wanderung nicht machen können und vor der Arbeitsleistung der vielen Generationen, die die alpine Infrastruktur geliefert haben, damit meine Reise möglich war.

Mehr ist dann heute zumindest nicht zu sagen.

P. S.

Die Korsikafähre hatte bergauf ganz schön zu kämpfen und ich habe einfach keine Wegzeichen mehr gefunden ?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

2 Gedanken zu “02.09.”